DIE ZIGANIADA

France-Elena Damian im Gespräch mit Elisabeth Wellershaus über: DIE ZIGANIADA

Gerüchte und Vorurteile gibt es viele, ob in Rumänien oder Berlin: Die Roma seien faul, arbeitsscheu, alles Betrüger, Verbrecher oder Diebe. Schon im Epos „Tiganiada“ aus dem Jahr 1820 zeichnete der rumänische Schriftsteller Ion Budai-Deleanu ein klischeehaftes Bild. Dieses Werk ist nun Ausgang einer Arbeit von Peca Stefan und France-Elena Damian. Der zeitgenössische Autor aus Rumänien und die rumänischstämmige Regisseurin aus Deutschland wollen durch Recherchen und Interviews den Bogen zum heute spannen und zusammen mit Roma-Künstlern aus Bukarest und Berlin das Selbstbild der Roma beleuchten. Ein Bild, das noch immer mit Mythen und Legenden konfrontiert wird.


Elisabeth Wellershaus: Frau Damian, Sie stammen selbst aus Rumänien: Warum haben Sie sich für ein Projekt mit Roma-Künstlern und den hartnäckigen Klischees entschieden, die ihnen noch immer anhaften?
France-Elena Damian: Wie Sie bereits schreiben, halten sich die Vorurteile hartnäckig und sind in der rumänischen Gesellschaft tief verankert. Das ist für mich ein guter Grund das Thema aufzugreifen. Als Kind bin ich selber mit Vorurteilen gegenüber den Roma aufgewachsen, auch gegenüber der ungarischen Minderheit in Rumänien. In Deutschland wurde ich dann selbst damit konfrontiert und stellte in der Auseinandersetzung mit Diskriminierung fest, dass die gleichen Vorurteile gegenüber verschiedenen Randgruppen benutzt werden. Dieses Phänomen wird uns bei unserem Vorhaben beschäftigen.

Elisabeth Wellershaus: Wo liegen die Unterschiede in der Wahrnehmung der Roma aus deutscher und rumänischer Sicht?
France-Elena Damian: Mit dem Ausbruch des Balkankonflikts in den 1990ern und dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens eroberten viele Roma die Straßen der europäischen Hauptstädte. So rückte die Thematik wieder in den Vordergrund. Es gibt mittlerweile sehr viele Initiativen, die sich deutschlandweit um die Belange der Roma kümmern. Sie beklagen die Diskriminierung bei den Behörden und die Perspektivlosigkeit, wenn es darum geht, für Roma-Familien eine Wohnung oder einen Job zu finden. Auf der anderen Seite gibt es mehr Solidarität als in Rumänien. Initiativen und Bürgerbewegungen unterscheiden nicht, wie die Behörden, zwischen Flüchtlingen aus Syrien und Flüchtlingen vom Balkan.
In Rumänien wuchs der Hass gegenüber den Roma erneut, als sie in die EU-Länder flüchteten. Roma und Rumänen wurden im Ausland gleichgesetzt, was einen noch tieferen Graben verursachte. Dabei beriefen sich die Rumänen auf die Maßnahmen, die einst Ceausescu ins Leben rief. Er ließ Plattenbauten für die Roma errichten und führte die Schulpflicht ein. Da diese Anordnungen aber nicht griffen, ist die Bevölkerung heute der Meinung, sie seien nicht integrierbar. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Umgang mit Roma in Deutschland und in Rumänien. Rumänen sind sehr abergläubisch und haben große Angst, verflucht zu werden, gleichzeitig glauben sie an die magischen Kräfte der Roma. So leben sie seit Jahrzehnten in einer merkwürdigen Symbiose miteinander.

Elisabeth Wellershaus: Wieso haben Sie das Epos Tiganiada als Ausgang für die Auseinandersetzung mit diesem Spannungsverhältnis gewählt. Und wo begegnen Sie, Peca Stefan und die Schauspieler sich künstlerisch?
France-Elena Damian: Stefan erzählte mir von Ion-Budai Deleanus‘ Werk, das 1820 geschrieben wurde und das seit längerem in rumänischen Schulen zum Pflichtstoff gehört. Das interessierte mich sehr. Wir entschieden uns, die Struktur der zwölf Gesänge als Inspirationsquelle zu nutzen und die inhaltliche, teils sehr klischeehafte Aussage des Werks für unser Projekt zu untersuchen. Auch die Chronik von Franz Remmel, der die Vorkommnisse rund um die Roma in den 1990er Jahren in Rumänien dokumentiert hat, wird in das Projekt einfließen. Und natürlich die Erfahrungen der beteiligten Roma-Künstler aus Rumänien und Deutschland. Für die Sprache der Inszenierung werden vor allem ihre Ausdrucksformen ausschlaggebend sein sowie ein Mix aus Romanes, Rumänisch und Deutsch. Mir ist es wichtig, mit Menschen zu arbeiten, die das jeweilige Projekt inhaltlich braucht. Im Falle der „Ziganiada“ reizt es mich deshalb, zusammen mit Peca Stefan und Roma-Künstlern unterschiedlichster Genres die dafür notwendige Form zu finden.